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"Ich bin mit dem Lean-Virus infiziert"

6. Februar 2017, von Susanne Bachmann

Prof. Dr.-Ing. Frank Bertagnolli wurde nach eigenen Worten bereits während seines Studium mit dem LEAN-Virus infiziert.

Und seine Begeisterung für das Thema hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen.

Seit 2015 ist er Professor für Lean Production und Ressourceneffizienz an der Hochschule Pforzheim und lehrt dort u.a. Lean und Change Management. Wir freuen uns, dass er bei der LEAN 2017 mit an Bord ist und sowohl für einen Vortrag als auch für einen Workshop zur Verfügung steht.

Nachstehend veröffentlichen wir auszugsweise seinen Bericht über die Berufung an die Hochschule.

Lean und Ressourceneffizienz, wie passt das zusammen und was hat das mit Menschen zu tun? Was tun bei Veränderungen und der Konfrontation mit Widerständen?

Lean und Ressourceneffizienz verbinden sich ideal. Beide Themenfelder befassen sich mit der Vermeidung von Verschwendung. Bereits während meines Wirtschaftsingenieurstudiums an der Universität Karlsruhe wurde ich mit dem „Lean-Virus“ infiziert. Das Thema begleitet mich seitdem bewusst sowohl in meinem beruflichen als auch privaten Leben.

Der Begriff „Lean“ wurde 1990 in Amerika definiert und beschreibt die alte japanische Philosophie, mit möglichst wenig Ressourceneinsatz einen hohen Nutzen zu erreichen.

Anlässlich eines Praktikums lernte ich Lean-Methoden 1999 bei einem Automobilzulieferer in den USA kennen. Nach meinem Studium und der Industrie-Promotion begann ich bei der damaligen DaimlerChrysler AG im Vorstandsbereich für das Mercedes-Benz Produktionssystem. Nach einer einjährigen Ausbildung zum MPS-Experten und Lean Manufacturing Consultant setzte ich das Erlernte in verschiedenen Projekten in der Praxis um. In unterschiedlichen Funktionen und Positionen brachte ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Unternehmen den Gedanken und die Philosophie von Lean Management näher. Dies fand sowohl in der Produktionsumgebung als auch in Lernfabriken mit realen Teilen und Anlagen statt.

LEAN als Schnittstelle zwischen Mensch und Prozess

Die Lean-Thematik beschäftigt sich zu Beginn häufig mit einzelnen Werkzeugen, Methoden und Prinzipien. Betrachtet man dies genauer, haben die Inhalte immer mit Menschen zu tun. Beispiele sind: Ordnung und Sauberkeit, Ergonomie, Reduzierung von Transporten, Reduzierung von Wartezeiten, Optimierung der Instandhaltung von Anlagen, Standardisieren von Arbeitsabläufen und die Führung am Ort der Wertschöpfung. Mit Lean wurden viele Elemente geschaffen, um Prozesse einfacher und intelligenter zu gestalten.

Der ganzheitliche Ansatz von „Lean Management“ betrachtet im Kontext der Menschenführung ganz wesentlich die Wertschätzung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nachhaltige Wertschöpfung kann erst durch Wertschätzung entstehen. Dies lässt sich an unterschiedlichen Beispielen belegen. Die Resonanz und die Diskussionen zu diesem Zusammenhang sind in der Praxis vielseitig.

Unternehmen, welche die Lean Philosophie hingegen nur als „Alibi“ eingeführt haben, machten grundsätzliche und entscheidende Fehler. Sie nutzten die sinnvollen Tools und missbrauchten diese für unbeliebte Personalabbauprogramme. Der Widerspruch, eine motivierende Lean-Philosophie in ein sogenanntes Programm mit negativem Image zu packen, stößt auf Unverständnis, Angst und Ablehnung in der Belegschaft. Die eigentliche Kraft und Motivation zur Weiterentwicklung verschwindet im ungelösten Widerstand und letztendlich im Stillstand.

In meiner Antrittsvorlesung habe ich das dreistufige Modell vorgestellt, das meine Erfahrungen in der Umsetzung des Lean-Gedankens aufzeigt. Darin werden Unternehmen in ihrer Lean-Umsetzung eingestuft. Die Betrachtung ganzer Unternehmen ist wichtig, weil spätestens in der dritten Stufe nur noch ein unternehmensweiter und von der Hierarchie losgelöster Ansatz eine Lean-Philosophie realisieren kann. Im Modell bewegen sich leider viele Unternehmen auf der ersten und schlechtesten Stufe. Gute Unternehmen erreichen die zweite Stufe. Nur sehr wenige operieren auf der besten und wichtigsten dritten Stufe, bei der maßgeblich die Struktur und Führungskultur eines gesamten Unternehmens entscheidend ist.

Die neue Professur „Lean Production und Ressourceneffizienz“ ist eine Stiftungsprofessur der PSD Bank Karlsruhe-Neustadt e.G. Die Idee für die Inhalte der Professur und die Verknüpfung mit den Themenfeldern der Ressourceneffizienz kamen von Professor Dr. Mario Schmidt. An seinem Institut für Industrial Ecology ist die neue Professur verankert und passt sich optimal, auch unter Berücksichtigung der zukünftigen Entwicklungen, in die beiden Studiengänge „Bachelor Ressourceneffizienz-Management“ und „Master Life Cycle & Sustainability“ ein. Im Curriculum ergänzen sich die verschiedenen Themenfelder der Kolleginnen und Kollegen exzellent. Betrachtet man den Lebenszyklus eines Produktes, so lehre ich in diesem Zusammenhang die Inhalte der schlanken Produktion, des Lean Managements und der Veränderungsprozesse. Diese Themen sind für die Studierenden von besonderer Bedeutung; damit werden sie im Praxissemester bereits zum ersten Mal konfrontiert. Das ist auch der Grund, warum ich der Meinung bin, dass man diese Themen möglichst frühzeitig kennen lernen sollte; das ist eine sehr gute Vorbereitung auf Praktika und das spätere Berufsleben.

Aber auch bei vielen anderen Prozessen und im Privatleben ist eine ressourceneffiziente Denkweise nach dem Prinzip „keep it simple“ und „weniger ist mehr“ sicherlich nie verkehrt.

Aus: "Weniger ist mehr." Ein Bericht über die Antrittsvorlesung und einem Auszug aus dem Dreistufenmodell der Lean-Umsetzung nach Bertagnolli. In: Der Rektor der Hochschule Pforzheim (Hrsg.): Konturen 2016 – Die Hochschulzeitschrift. Ausgabe 34, 2016